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Nachhaltigkeit als gesellschaftlicher Wert –

Denkanstöße nicht nur für die Immobilienwirtschaft

 

 

Historie zum Thema Nachhaltigkeit

 

Das Thema Nachhaltigkeit entwickelte sich in den letzten Jahren gleichermaßen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zum dauerhaften Diskussionsstoff. Die scheinbare Neuigkeit des Themas und der einseitige Fokus auf ökologische Fragestellungen erfordern einen kurzen historischen Abriss, um auf dieser Grundlage den Aspekt eines gesellschaftlichen Wertes beleuchten zu können.

 

Dass der Nachhaltigkeitsgedanke bereits im 18. Jahrhundert entwickelt wurde ist hinlänglich bekannt. Die Gründerväter waren Carl von Carlowitz, Hermann Friedrich von Göschhausen und Georg Ludwig Hartig, die die Grundlage für eine nachhaltige Bewirtschaftungsweise von Wäldern legten. Ausgangspunkt hierfür bildeten die Taxation und Beschreibung der Forstbestände, um nur so viel Holz zu entnehmen, wie nachwächst.

 

In der öffentlichen Diskussion wurden mit Gründung des „Club of Rome“ im Jahre 1968 erneut grundsätzliche gesellschaftliche Überlegungen zur Nachhaltigkeit angestellt. Das hohe Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten weltweit in den sechziger Jahren führte zur Frage, inwieweit ein solches Wachstum mit dem damit verbundenen Ressourcenverbrauch dauerhaft möglich ist. Das vom „Club of Rome“ publizierte Werk „Grenzen des Wachstums“ beschäftigt sich mit den Fragen der Gefahr einer nachhaltigen Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschheit. Die damit angestoßene öffentliche Diskussion zur Nachhaltigkeit fand ihre institutionelle Grundlage mit der Gründung der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung durch die Vereinten Nationen im Jahre 1983, einer Sachverständigenkommission, in der 18 Länder vertreten sind. Im Jahre 1987 wurde der Brundtland Report „Our Common Future“, benannt nach der Vorsitzenden der Weltkommission Gro Harlem Brundtland (damalige Ministerpräsidentin von Norwegen) veröffentlicht. In diesem wurde erstmals das Leitbild einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung gelegt. Dieses besteht in der Errichtung einer Gesellschaft, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Dieses Leitbild führte in der weiteren wissenschaftlichen, insbesondere wirtschaftsethischen Diskussion zur Definition von Nachhaltigkeit, die die gesellschaftlichen Teilbereiche Ökologie, Ökonomie und Soziales umfasst.

 

Drei – Säulen – Ansatz der Nachhaltigkeit

 

Ökologische

Nachhaltigkeit

 

 

Ökonomische

Nachhaltigkeit

 

Soziale

Nachhaltigkeit

 

Diese drei Säulen können als eine Art magisches Dreieck gesehen werden, harmonieren doch diese unterschiedlichen Ansätze nicht immer in der gesellschaftlichen Entwicklung.

 

Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet, dass Natur und Umwelt nur in dem Maße genutzt werden dürfen, dass sie für nachfolgende Genrationen erhalten bleiben.

 

Ökonomische Nachhaltigkeit beinhaltet wirtschaftliches Handeln, mit dem eine dauerhaft tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand gesichert ist.

 

Soziale Nachhaltigkeit umfasst die Entwicklung einer Gesellschaft, an der alle gleichermaßen wirtschaftlich, kulturell und gesundheitlich partizipieren können.

 

In der öffentlichen Diskussion wird sich primär auf die ökologische Säule konzentriert. Die vergleichsweise geringe Bedeutung der beiden anderen Säulen führt zwangsläufig dazu, dass der Nachhaltigkeitsgedanke in der Gesellschaft zwar  praktiziert, aber nicht gelebt wird. Nachhaltigkeit ist bisher vordergründig ein Marketinginstrument, nicht aber gesellschaftlicher Wert an sich. Die Frage ist, inwieweit in einer Marktwirtschaft Nachhaltigkeit tatsächlich ein gesellschaftlicher Wert und damit die Grundlage und Maßstab wirtschaftlichen Handelns werden kann.

 

Wenn nachhaltiges ökonomisches Handeln so angelegt sein muss, dass dauerhaft eine tragfähige Basis für Erwerb und Wohlstand gegeben ist, ist die Frage zu klären, wie sich das mit auf Kurzfristigkeit gesetzten Prinzipien in der Wirtschaft (Quartalsberichte der Unternehmen entscheiden über die Kursentwicklung) und Politik (politisches Handeln in Legislaturperioden) vereinbar ist. Mit diesem auf Kurzfristigkeit gerichteten Handeln ist Nachhaltigkeit zweitrangig und ist  zwangsläufig mit der Externalisierung von Kosten verbunden. Unter Externalisierung von Kosten ist die Verlagerung der in Unternehmen entstehender Kosten auf die Gesellschaft zu verstehen. So führen beispielsweise Effizienzsteigerungen regelmäßig zur Freisetzung von Arbeitskräften. Die damit verbundenen sinkenden Kosten im Unternehmen werden mit Kurssteigerungen der Aktien honoriert. Die hieraus resultierenden Folgekosten in Form von Sozialleistungen sind  jedoch durch die Gesellschaft zu tragen. In welchem Ausmaß kurzfristige Zielsetzungen zur Externalisierung von Kosten in einer Gesellschaft führen, verdeutlicht in jüngster Vergangenheit in sehr eindringlicher Weise die Entwicklung auf dem Finanzsektor.

 

Die Herausforderung der Zukunft wird darin bestehen, ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, in dem Nachhaltigkeit, d.h. tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften zum Maßstab der Unternehmensbewertung wird. Eine Überlegung in dieser Richtung könnte darin bestehen, dass die Berechnung von Unternehmensgewinnen als Grundlage für die Besteuerung modifiziert wird. Hierfür könnten zum Gewinn externalisierte Kosten hinzugerechnet werden, dagegen führt die Leistungserbringung im sozialen  Bereich (z.B. Schaffung von Betriebskindergärten, Engagement in sozialen bzw. kulturellen Projekten) zur Verminderung des zu versteuernden Gewinns. In dem Fall übernimmt das Unternehmen Kosten für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung, was im Wertesystem belohnt werden müsste. Das  der Teufel im Detail steckt, ist sich die Autorin sehr wohl bewusst. Dennoch muss über unser Bewertungssystem und damit Wertesystem in der Gesellschaft nachgedacht werden und müssen Veränderungen vollzogen werden, wenn Nachhaltigkeit in der Gesellschaft zum Leitgedanken jeglichen Handelns werden soll. Das kann nur erreicht werden, wenn die drei Säulen der Nachhaltigkeit im Wertesystem einer Gesellschaft verankert sind.

 

 

Nachhaltigkeitsanforderungen an die Immobilie und die Immobilienwirtschaft

 

Die Immobilie bzw. die Immobilienwirtschaft steht in der Diskussion zur Durchsetzung von Nachhaltigkeitsforderungen  im Fokus der Politik. Auch hier wird sich bisher primär auf ökologische Fragestellungen konzentriert. In keiner anderen Branche werden gegenwärtig so hohe Forderungen zur Energieeinsparung aufgemacht wie in der Immobilienwirtschaft. Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft soll mit der Schaffung rechtlicher Vorgaben (z.B. Energieeinsparverordnung) und mit unterschiedlichen Anreizsystemen (z. B. die Förderung der Gewinnung regenerierbarer Energien, Förderung für energetische Baumaßnahmen im Neubau und im Bestand) erreicht werden. Darüber hinaus wird mit der Möglichkeit zur Zertifizierung von Gebäuden ein indirekter ökonomischer Anreiz zur Energieeffizienz geschaffen. Gegenwärtig konkurriert eine Vielzahl von Zertifizierungssystemen (DGNB-Siegel, LEED-Zertifizierung, BREAM) mit unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben, die eher zur Verwirrung als zur Transparenz beitragen. Der sehr geringe Anteil bisher zertifizierter Immobilien, der sich auf unter einem Prozent der jährlichen Bauvorhaben beläuft, ist somit eher ein marketingpolitisches Instrument als eine intrinsische Motivation für das Unternehmen im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens. Möglicherweise werden sich hier in den nächsten Jahren Veränderungen vollziehen, wenn von Seiten der Investoren weltweit die Zertifizierung von Immobilien als Voraussetzung für den Erwerb gesehen wird. Diese Entwicklung bleibt abzuwarten.

 

Nachhaltiges Wirtschaften muss letztlich zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens führen. Gegenwärtig sind diese Vorteile aber eher kurzfristig ausgerichtet, z.B. durch die Nutzung von Subventionen.  Nachhaltigkeitsüberlegungen sind in dem Fall Mittel zum Zweck, nicht aber der Zweck und damit ein unternehmerisches Ziel selbst. Dabei gehen die Nachhaltigkeitsanforderungen an Immobilien weit über die ökologischen Themenstellungen hinaus und beeinflussen die gesamte Entwicklung der Gesellschaft. Hierzu gehören u.a.:

 

•   die ästhetisch – architektonische Nachhaltigkeit,

•   die städteplanerisch soziologische Nachhaltigkeit,

•   die funktionale Nachhaltigkeit,

•   die ökologische Nachhaltigkeit.

 

 

Ästhetisch – architektonische Nachhaltigkeit

 

Die Immobilie ist ein wesentlicher Ausdruck für den erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstand und der gesellschaftlichen Ästhetik. Jede Epoche wird durch einen hierfür typischen Baustil geprägt. Nicht umsonst werden Immobilien aus jeder baulichen Epoche unter Denkmalschutz gestellt, um damit den jeweiligen Zeitgeist historisch zu bewahren. Somit gibt es kein anderes Wirtschaftsgut, was so nachhaltig auch auf künftige Generationen wirkt, wie die Immobilie.

 

 

Städteplanerisch soziologische Nachhaltigkeit

 

Unter dem Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit werden an die Immobilien in ihrer Funktionsfähigkeit zueinander hohe Anforderungengestellt. Neben der Forderung nach der Kombination von Wohnen, Arbeiten undFreizeit, um lebendige Quartiere zu entwickeln, steht die Herausforderung, Rahmenbedingungen für die Partizipation aller am städtischen Leben zuschaffen.  Mit zunehmender sozialerUngleichheit, die sich auch für Deutschland statistisch (z.B. an derEntwicklung des Gini-Koeffizienten) nachweisen lässt, steigen die Anforderungenan die Kommunen, um gleichermaßen Segregations- und Gentrifikationsprozesseeinzuschränken. Unter Segregation wird der Prozess der Ansiedlung von primärsozial schwächeren Schichten in bestimmten Stadtteilen oder Quartierenverstanden. Gentrifikation dagegenbeinhaltet die Ansiedlung von sozial besser gestellten Schichten, dieschließlich zur Verdrängung der ursprünglichen Bewohner führt. Wie brisantdiese Themenstellung ist, wird in der aktuellen Diskussion vor allem in Berlin deutlich. Mehr oder weniger ist diese Entwicklung aber in allen Großstädten Deutschlandszu verzeichnen. Die Frage ist hier, inwieweit eine Gesellschaft eine weitereDifferenzierung von Einkommen, Vermögen und damit auch Zugang zur Bildung im weitesten Sinne zulässt. Statistischnachweisbar ist, dass in Ländern mit großer sozialer Ungleichheit eingeringeres Vertrauensniveau besteht, was u.a. in der Verbreitung von GatedCommunities immobilienwirtschaftlich deutlich wird, dass die Kriminalitätsrateund die Anzahl der Gefängnisinsassen höher ist, eine geringere Lebenserwartung besteht und durchschnittlich geringere Bildungsabschlüsse erzielt werden (vgl.Wilson/ Pickett: Gleichheit ist Glück, Berlin 2009). Dabei ist die Korrelationzwischen Einkommensunterschieden und sozialen Folgeproblemen für allemarktwirtschaftlichen Demokratien, unabhängig vom ökonomischen Entwicklungsstand,nachweisbar.

 

 

Funktionale Nachhaltigkeit

 

Tendenziell gesättigte Immobilienmärkte und sich in kürzeren Zeiträumen ändernde Nutzeranforderungen stellen hohe Ansprüche an die Funktionalität von Immobilien. Immobilien mit nachhaltiger Funktionalität müssen mit vergleichsweise geringem baulichen und damit kostenmäßigem Aufwand den veränderten Nutzeranforderungen angepasst werden können. Die damit erzielten Effekte sind doppelt. Einerseits kann flexibler auf Nutzeranforderungen in tendenziell gesättigter Marktlage reagiert werden. Anderseits werden damit Ressourcen gegenüber dem kompletten Umbau bzw. Abriss von Immobilien geschont. Die Immobilie ist somit gleichermaßen Ausdruck zwischen Wandel und Beständigkeit.

 

 

Ökologische Nachhaltigkeit

 

Hier steht die Forderung nach energieeffizienten Immobilienkonzepten. Geht es heute noch primär um Energieeinsparungen wird die Zukunft darin gesehen, dass Immobilien mehr Energie produzieren als sie selbst verbrauchen.

 

Neben den bereits genannten Anforderungen an ein verändertes gesellschaftliches Wertesystem, kann ein solches jedoch bereits heute in immobilienwirtschaftlichen Unternehmen entwickelt werden. Ökologisch und sozial nachhaltiges Handeln führt schlussendlich zur ökonomischen Nachhaltigkeit von Unternehmen.

 

Die Durchsetzung ökologischer Nachhaltigkeit kann zwar mit ökonomischen Anreizen angeregt werden. In dem Fall wird ökologische Nachhaltigkeit praktiziert. Letztlich kann diese aber erst im Ergebnis eines Prozesses der Bewusstseinsbildung gelebt werden. Ökologische Bewusstseinsbildung kann gleichermaßen bei der Planung, dem Bau, der Vermarktung und der laufenden Bewirtschaftung von Immobilien erreicht werden. Das beginnt mit der Planung flexibler Grundrisse, über die Nutzung langlebiger Baustoffe bis hin zur Beratung der Eigentümer unter dem Aspekt der Senkung der Lebenszykluskosten von Immobilien. Das setzt adäquate Unternehmensziele voraus, die letztlich von den Mitarbeitern gelebt werden und langfristig zu unternehmerisch nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg führen.

 

Soziale Nachhaltigkeit im Unternehmen beinhaltet gleichermaßen das Fördern und das Fordern von Mitarbeitern. Die größten Nachhaltigkeitspotenziale werden in den Mitarbeitern gesehen. Wenn es einem Unternehmen gelingt, eine solche Kultur zu schaffen, in dem die Mitarbeiter integriert werden, in denen Möglichkeiten der persönlichen  Weiterentwicklung aufgezeigt werden, besteht die Chance der Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Hierin liegt das größte nachhaltige Wertschöpfungspotenzial. Letztlich wird auf der Grundlage der ökologischen und der sozialen Nachhaltigkeit durch die Erschließung personeller und ökologischer Ressourcen der Grundstein für die Wettbewerbsfähigkeit und damit für ökonomische Nachhaltigkeit des Unternehmens gelegt.

 

Die hier aufgeführten Stichpunkte sollen als Gedankenanstöße auf gesellschaftlicher und auf unternehmerischer Ebene verstanden werden. Die Entwicklung eines modifizierten Wertesystems in der Marktwirtschaft erfordert Konsens in der Gesellschaft und die Schaffung adäquater Rahmenbedingungen durch die Politik.